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Aus dem Tagebuch eines Zeitreisenden 

erstellt am 8. Februar 2016

Wenn ein historischer Darsteller eine Reise tut, wird er zwangsläufig irgendwann mit der Moderne konfrontiert, was mitunter zu komischen Situationen führen kann. Folgend der erste einer Reihen von Tagebuch-Auszügen eines Zeitreisenden, welche wir in unregelmässigen Abständen auf unserem Blog veröffentlichen werden.

Teil 1 - Zeitreise in die Belle Epoque

Liebes Tagebuch.....

Die Herausforderungen

Die Ankunft im Hotel stellte uns vor Herausforderungen, wie sie seit Indiana Jones im Gralstempel nicht mehr da waren. Die modernen Gepäckwagen waren nicht für das Gepäck des reisenden Gentleman von damals ausgelegt, und legte man den Überseekoffer improvisiert quer darauf, war wiederum die Lifttür zu schmal. Ein Dilemma an dem andere gescheitert wären...

 Das Hinderniss

... doch nicht so der weltgewandte Zeitreisende. Solche Hindernisse überwindet er mit jenen Assen, die er zahlreich im eigenen Ärmel mitführt. In diesem Fall war das Ass ein selbst mitgebrachter historischer Gepäckrolli, dem schmale Lifttüren kein Hindernis waren.

Hotelbadezimmer

Ein richtiger Zeitreisender kennt keine Zurückhaltung, wenn es gilt, einem modernen Hotelbadezimmer etwas historische Ambiance zu verleihen. Hingebungsvoll wie der Osterhase beim Eierverstecken, wurden die Requisiten gepflegter Herrentoilette verteilt. Leider vermochten sie es nicht, den fehlenden Charme eines viktorianischen Waschbeckens von Johnson Brothers Hanley Ltd zu ersetzen.

Schreibtisch

Des Zeitreisenden Herz schlug höher, als er einen herrlichen historischen Schreibtisch entdeckte. Sogleich wurden die mitgeführten Schreibutensilien hervorgeholt und Papier bereitgelegt, um mit der Feder Gedanken festzuhalten. Doch plötzlich kamen Zweifel auf, wem man eigentlich noch einen Brief schreiben könnte. Der moderne Mensch wäre damit überfordert, denn er kann oft nur lesen, was als SMS oder E-Mail auf einem Display steht.

Die Bürde

Die Bürde der Etikette kann eine schwere sein wenn man im Geiste der Belle Epoque wandelt. So kommt es nicht in Frage, dass eine Dame, einem derben Stallknecht gleich, selbst die Tür öffnet. Einst konnte sie darauf zählen, dass galante Herren eilten, ihr dies abzunehmen. Geduldig wartend erkannte sie, dass solche Prinzen heute eine vom Aussterben bedrohte Gattung sind.

Badegast

Nicht bloss der Dame, sondern auch dem Herrn können die Leitlinien der vornehmen Etikette zum Hemmnis werden. In der Umkleidekabine sass der historische Badegast fest, weil nirgends ein Hinweisschild ausführte, wie die Badezeiten für Damen und Herren (getrennt) sind. Also verharrte er höflich in seiner Holzkammer, vergebens darauf wartend dass die Damen das Bad verliessen.

Schuhe putzen

Mit der Nachtruhe endete auch unsere Hoffnung auf einen Service, der zu Oscar Wildes Tagen selbstverständlich war. Offenbar werden Schuhe, die man abends vors Hotelzimmer stellt, nicht mehr vom Personal geputzt und poliert. Als wir uns nach dem ausgebliebenen Service erkundigten, wurde uns lächelnd der Weg zur Schuhputzmaschine im Keller erklärt.

charmante Begegnung

Über die nicht geputzen Schuhe tröstete uns am Morgen auf dem Hotelflur eine charmante Begegnung hinweg. Jener zeitgemäss gekleidete Engel, der zerschlafenen Betten und unaufgeräumten Zimmern Erlösung brachte, war am Werk. Bei diesem zauberhaften Lächeln gingen wir sonst sehr detailverliebten Zeitreisenden milde über die moderne Armbanduhr hinweg. Bei ihrer Arbeit wäre eine Taschenuhr ohnhin unpraktisch gewesen.

Stilvoll Reisender

Jeder Morgen brachte dem stilvoll Reisenden die selben Leiden. Was weiss der schlichte Mann von der Strasse mit seinen zwei Hosen schon von den Qualen der gehobenen Klasse? Er teilt nicht die Last der Entscheidung, die richtige Kleidung zum richtigen Anlass zur richtigen Tageszeit aus dem Schrank zu holen. Alleine bis eine Wahl getroffen wurde, hat man das Frühstück verpasst, und muss sich nun wiederum Kleider fürs Mittagessen aussuchen.

Kleiderhaufenkonzept

Zur Belle Epoque führte der Mann von Welt so viel raumfressende Petitessen mit, wie ACDC auf Welttournee. Bloss ist die moderne Welt nicht mehr auf detailreiche Ausstattung eingerichtet. So mussten wir uns selbst helfen, als wir feststellten, dass moderne Restaurationen keine anständigen Hutablagen und Garderoben mit hilfreichen Damen und Nummernmärkchen mehr anboten. Wir bedienten uns stattdessen des rustikalen Kleiderhaufenkonzepts.

Exkursionen

Bei Exkursionen in die alpine Botanik muss die historische Ausstattung für eine angemessene Rast dabei sein. Im Winter ist da ein schöner Tee ideal, bereichert mit süssem Shortbread zum Knabbern. Unglücklicherweise ist das schottische Mürbeteigbackwerk hierzulande heute so unbekannt, dass es mit Fischstäbchen verwechselt wurde (was eine kulinarisch gewagte Kombination mit Tee wäre).

Strandbad Wannsee

Um 12.30 Uhr wäre Eislauf geplant gewesen. Als wir vor dem Eisfeld standen, registrierten wir ernüchtert, dass unsere Schlittschuhe hier fehl am Platz waren. Auch waren keine Schwimmwesten ausgegeben worden, und ein Titanic-Orchester fehlte auch. Dabei hätte hier der kleinen Conny ihr Song vom 1907 eröffneten Strandbad Wannsee und der eingepackten Badehose gepasst.

Ende Teil 1 - Reise in die Belle Epoque