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1. Dezember 1944

Hüningen wird von den Franzosen besetzt – Dreiländerecke von allen deutschen Truppen geräumt

Am frühen Morgen liegt Hüningen unter dichtem Dezembernebel, der die Vorgänge in der Stadt zunächst verschleiert. Bis etwa 09:00 Uhr bleibt die Lage ruhig, nur vereinzelte Artillerieschüsse, die von badischer Seite aus abgefeuert werden, schlagen in der Stadt ein. Gegen 09:10 Uhr klärt sich die Situation langsam. Zivilisten erscheinen auf der Landstrasse in Richtung Schweizer Grenze, ein langer Zug von Menschen schiebt sich vorwärts. Kurz darauf erreichen die ersten französischen Patrouillen die Kanalmündung. Eine Stunde später folgen weitere Truppen und Einheiten der Forces françaises de l'intérieur (FFI). Doch ihr Vormarsch wird von Maschinengewehrfeuer deutscher Stellungen auf badischer Seite gestoppt, sodass die Soldaten Deckung suchen müssen.

Der Einmarsch schreitet erst voran, nachdem französische Artillerie das badische Hinterland – insbesondere die Dörfer Friedlingen und Weil – unter Beschuss nimmt. Granatsplitter treffen auch das Rheinhafengebiet, beschädigen Gleisanlagen und Gebäude. Das Zollamt in Hüningen bleibt nicht verschont: Fensterscheiben zerspringen, und das grosse Schweizerkreuz am Zollgebäude wird zur Hälfte zerstört. Trotz der Zerstörung gibt es keine Verletzten.

Seit elf Tagen haben französische Panzertruppen die Stadt eingeschlossen und die deutsche Garnison unter Druck gesetzt. Panzer rücken von St. Louis bis auf zweihundert Meter an den Stadtrand vor, beschiessen die deutschen Bunker und Vorposten mit Maschinengewehrsalven und Panzergranaten. Die deutschen Soldaten – vor allem Grenzsicherungsorgane und Hilfszöllner – antworten mit eigenem Maschinengewehrfeuer und Minenwerfern aus gesicherten Positionen. Ziele wie die Garde-Mobil-Kaserne, die Kreuzstrasse und der Bahnhof von St. Louis geraten regelmässig unter Beschuss.

Die zerstörte Ecole Maternelle an der Rue Boulangers in Hüningen nach dem Abzug der deutschen Truppen - Foto Ville de Hunique - Kolorierung Patrick Schlenker

Die Versorgung der deutschen Truppen, die vermutlich 800 bis 1000 Mann stark sind, wird täglich organisiert. Milch wird aus einem nahegelegenen Bauernhof herbeigeschafft, während die Bevölkerung Fleisch aus dem Viehbestand kaufen kann, den Reichsdeutsche aus dem Altreich mitgebracht haben. Viele dieser Bauern ziehen jetzt mit ihrem Vieh aus der Stadt ab, da die deutschen Truppen sich zurückziehen.

Die Sprengung der neuen Kanalbrücke markiert einen dramatischen Moment. Obwohl die Brücke bereits miniert ist, zögern die Deutschen zunächst, die Ladung zu zünden. Erst als ein französischer Panzer auf die Brücke feuert, trifft er die Sprengladung, und eine gewaltige Explosion zerstört die Brücke.

Während sich der Einschliessungsring weiter verengt, setzen kleine Gruppen deutscher Soldaten mit Fähren bei Friedlingen über den Rhein. Dabei versuchen französische Artilleristen, die Überfahrt zu verhindern, und nehmen die Brückenköpfe am rechten Rheinufer unter Beschuss. Dennoch gelingt es den meisten deutschen Soldaten, ins Badische zu entkommen.

Mit dem Aufklaren des Nebels am Vormittag ziehen weitere französische Truppen und amerikanische Jeeps in Hüningen ein. Die wenigen verbleibenden Bewohner der Stadt begrüssen sie als Befreier. Damit endet die deutsche Besetzung Hüningens, und eine neue Phase in der Geschichte der Stadt beginnt.

Französische Jeeps am Grenzübergang Hüningen nach der Befreiung der Ortschaft - Foto Basler Nachrichten  Bearbeitung und Kolorierung Patrick Schlenker - Privatarchiv

Video aus der Schweizer Wochenschau zur Flucht von französischen Flüchtlingen aus Hüningen vom 1. Dezember 1944 - Menschen fliegen zu uns (0217-1)

Hard-Wald

Die marokkanischen Schützen versuchen erfolglos, das Forsthaus Battenheim zu erreichen. Der Befehl lautet, „die erreichten Positionen zu halten und zu festigen“. Die Deutschen bereiten einen Gegenangriff vor.

Territorial-Kommando Basel

Rund 1500 Flüchtlinge an der Schweizer Grenze

Am Morgen des Tages, als sich der dichte Dezembernebel lichtet und die Artilleriebeschiessung nachlässt, wagen sich die Bewohner Hüningens vorsichtig auf die Strassen. Schnell verbreitet sich die Nachricht, dass die deutschen Truppen die Stadt verlassen haben. Die Angst vor einem möglichen Gegenangriff der deutschen Artillerie und die ungewisse Lage treiben die Menschen dazu, Schutz auf Schweizer Boden zu suchen. Es wird beschlossen, in grosser Zahl über die Grenze zu flüchten.

Gegen 09:00 Uhr setzt ein unübersehbarer Flüchtlingsstrom ein. Männer, Frauen und Kinder, beladen mit wenigen Habseligkeiten, führen Haustiere mit sich, während sie über die Grenze in die Schweiz strömen. Schweizer Grenzwächter und Militärangehörige nehmen die Flüchtlinge in Empfang. Schwerverletzte werden zur weiteren Versorgung in Krankenhäuser gebracht. Unter den Verletzten befindet sich eine ganze Familie, deren Zustand kritisch ist, sowie zwei schwerverletzte französische Soldaten. Einer von ihnen erliegt später seinen Verletzungen.

Hüninger auf der Flucht in die Schweiz am 1. Dezember 1944, begleitet von einem Schwizer Soldaten beim Grenzübergang Hüningen - Basel

In Hüningen bleiben nach Berichten nur etwa dreissig bis vierzig Familien zurück, während nahezu die gesamte Bevölkerung die Stadt verlässt. Darunter sind auch viele Bewohner des benachbarten Neudorf, die mit ihrem Hab und Gut über das Zollamt Hüningen in die Schweiz flüchten. Die Flüchtlinge werden in der Basler Mustermesse untergebracht, die als provisorisches Lager dient. Bis zum Mittag sind dort mehr als 2.000 Personen gezählt worden.

Währenddessen treffen am Badischen Bahnhof in Basel seit der vergangenen Nacht in unregelmässigen Abständen kleine Güter- und Materialzüge sowie Züge mit leeren Personenwaggons ein. Die Ankunft dieser Züge verstärkt das Bild einer chaotischen Fluchtbewegung, die Hüningen und die umliegenden Gebiete in diesen Stunden prägt.

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Aus den Berichten der Schweizer Armee:

Schweres Geschützfeuer durch die ganze Nacht.

04:35 - 05:08 Uhr: Fliegeralarm.

Schweres Artilleriefeuer Richtung Hüningen.

Meldung von Lysbüchel, dass 300 Hüninger an der Hüninger Grenze stehen und in die Schweiz flüchten wollen.

09:00 Uhr: Schwerer Beschuss von Friedlingen. Viele Splitter im Hafengebiet.

09:15 Uhr: Meldung von der Grenze, dass 2.000 Hüninger an der Grenze stehen.

Kdt. und Stabschef begeben sich an die Grenze.

10:00 - 12:00 Uhr: Übertritt von 1.100 Flüchtlingen an der Grenze.

10:15 Uhr: Anscheinend räumen die Deutschen Hüningen.

10:10 Uhr: Meldung, dass deutsche Infanterie (ca. 300 Mann) nach Weil marschiert.

12:00 - 16:00 Uhr: Gegenseitiges Artillerieduell.

14:48 Uhr: In Hüningen werden die Glocken geläutet.

18:00 - 18:45 Uhr: Rapport.

Flüchtlingslager MUBA:

  • Eingang: 1.394 Personen
  • Ausgang: 73 Personen

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