2. Dezember 1944
Die letzten Tag der Belagerung von Hüningen
Am gestrigen Tag rund 2000 Zivilflüchtlinge aus Hüningen in Basel eingetroffen. Sie wurden wiederum in die Hallen der Mustermesse geführt. Es war ein wahrhaft trauriges Bild, das diese Flüchtlinge – Kinder, Männer, Frauen und Greise – boten. Ihren Gesichtern und ihrer Haltung war deutlich anzusehen, dass sie in den letzten Tagen Schweres durchgemacht hatten. Alle waren zum Umfallen müde; die meisten hatten seit zwei oder drei Tagen nicht mehr geschlafen.
Als die Franzosen gegen den Rhein vordrangen, verliessen nahezu alle politischen Funktionäre der Deutschen die Gegend. Zurück blieben nur Wehrmachtssoldaten und Grenzwächter. Zeitgleich mit den Bewohnern von St. Louis versuchten auch die Hüninger, nach Basel zu gelangen, wurden jedoch von den Deutschen daran gehindert und gezwungen, in der belagerten Stadt zu bleiben. Ihre Bündel, die sie zur Flucht bereitgemacht hatten, hielten sie zusammen und bewahrten sie an geschützten Orten. Trotzdem verloren viele bei Volltreffern auch diesen letzten Rest ihrer Habe. Ein Mann zeigte uns einen kleinen Leiterwagen, dessen eine Seitenwand vollständig zerstört war. Die Schuhe und notwendige Wäsche, die in einem Koffer verstaut waren, hatten durch Splitter Beschädigungen erlitten. „Wir hätten das alles besser drüben gelassen, es ist ja sowieso alles hin“, sagte seine Frau müde, während sie auf einer Kiste sass.
Französische Truppen und Mitglieder der FFI haben nahe der Schweizer Grenze deutsche Gefangene gemacht. Im Hintergrund sind Gebäude auf Schweizer Gebiet zu sehen, die mit einer Flagge gekennzeichnet sind - Foto Kriegstagebuch Gertrud Löw
Die ersten Tage der Belagerung
Anfangs richtete sich das Feuer der Franzosen auf ausserhalb der Ortschaft liegende Objekte. Die Menschen glaubten, die Befreiung Hüningens stünde kurz bevor und warteten darauf, die Erlaubnis zur Evakuierung zu erhalten. Diese wurde ihnen jedoch strikt verweigert. Die Lage verschärfte sich, als Gas-, Wasser- und Stromzufuhr zerstört wurden. Die Menschen kochten notdürftig ihre spärlichen Mahlzeiten, die gerade so zum Überleben reichten. Es mangelte nicht an Fleisch, da Viehbestände aus Deutschland nach Hüningen gebracht, aber nicht weitertransportiert worden waren. Auch Brot war in ausreichender Menge vorhanden. Doch Milch, Zucker, Butter und Fett wurden knapp. Die ohnehin prekäre Ernährungslage verschlechterte sich täglich, und viele Flüchtlinge hatten seit Mittwoch nichts mehr gegessen.
Die letzten Tage unter Beschuss
Augenzeugenbericht: Furchtbar waren die letzten Tage, als die Artillerie nahezu ununterbrochen die Stadt beschoss. Am 2. Letzten Tag der Belagerung schlugen allein zwischen 8 und 9 Uhr morgens etwa 2.000 Granaten die Häuser und Strassen ein. Der Lärm der Detonationen und die allgegenwärtige Zerstörung prägten den Tag. In Spitzenzeiten gab es bis zu 40 Einschläge pro Minute. Während der Vormittag von Beschüssen aus Minenwerfern dominiert wurde, folgte später das schwerere Feuer der Artillerie. Aus einer Entfernung von acht bis neun Kilometern regnete ein Hagel aus Geschossen auf die Stadt herab. Rauchwolken verdunkelten den Himmel, und das Stadtbild schien für Momente vollständig ausgelöscht zu sein. Doch erstaunlicherweise blieben einige Bauwerke, darunter die Kirche und Schornsteine, trotz des infernalischen Feuers stehen – ein Anblick, der wie ein Wunder wirkte.
Über den Häusern und dem Rhein kreisten Flugzeuge, und immer wieder schwirrten Zugvögel, die dem Chaos zu entkommen schienen, in Richtung Süden. Auch Flugabwehrgeschütze mischten sich in die Kämpfe ein. Ihre grell leuchtenden Geschosse zeichneten bizarre Bahnen am Himmel – ein beinahe surrealer Anblick, wäre die Situation nicht so schrecklich.
Nur in den frühen Morgenstunden wagten sich die Bewohner aus den Kellern, um in Eile etwas Essbares zu sammeln. Doch viele Häuser in Hüningen hatten keine ausgebauten Luftschutzkeller, und zahlreiche Menschen verbrachten die Stunden in dunklen, feuchten Räumen. Eine junge Frau, die ein drei Monate altes Kind auf dem Arm trug, erzählte uns: „Unser Keller war so feucht, dass wir ihn kaum nutzen konnten. Unser Haus ist stark gebaut, und wir dachten, es würde genügen, die Fenster im Erdgeschoss zu verrammeln. Doch während der ersten Beschiessungen wurde bereits ein grosser Teil des Daches zerstört. Am Mittwoch und besonders am Donnerstag war es, als befänden wir uns in der Hölle. Die Geschosse schlugen Schlag auf Schlag ein. Innerhalb weniger Stunden war unser Haus fast vollständig zerstört, und wir lagen – mein Mann, meine fast achtzigjährige Mutter, mein Kind und ich – unter den Trümmern begraben. Es war dunkel, staubig und kaum auszuhalten. Es grenzt an ein Wunder, dass wir mit dem Leben davongekommen sind.“
Am Grenzübergang Hüningen bitten junge Frauen um Wasser, da die gesamte Versorgung mit Wasser, Elektrizität und Gas unterbrochen ist. – Foto aus dem Kriegstagebuch von Gertrud Löw - Bearbeitung und Kolorierung Patrick Schlenker
Flucht am Freitagmorgen
Ein junger Mann schilderte anschaulich die Flucht: „Als ich nach 48 Stunden im Keller Brot für meine Kinder holen wollte, erkannte ich die Strassen kaum wieder. Sie waren mit Schutt und Ziegeln bedeckt. Die Häuser waren Ruinen, durch die man den Himmel sehen konnte. Ein ehemaliger Gendarm rief uns zu, wir sollten zur Schweizer Grenze eilen, da die Franzosen vorgedrungen seien und uns passieren liessen. Wir packten in aller Eile das Nötigste und schlossen uns dem Zug der Hüninger Bevölkerung an. Vorneweg trug jemand eine Stange mit einem Leintuch daran, um den Franzosen zu zeigen, dass wir Zivilflüchtlinge waren. An der Grenze nahmen uns freundliche Schweizer Helfer in Empfang.“
Bis Mittag hatten fast alle Zivilpersonen Hüningen verlassen. Etwa zwanzig Schwerkranke und Verwundete blieben zurück, sollten jedoch ebenfalls noch in Sicherheit gebracht werden.
In der Mustermesse
In Halle III der Mustermesse wurden die Flüchtlinge registriert und einer sanitären Untersuchung unterzogen. Kranke und Gebrechliche wurden in Spitäler und Altersheime gebracht. Danach erhielten die Flüchtlinge ein kräftiges Essen, bestehend aus Erbsensuppe, Wurst, Kartoffeln, Brot und Tee. Viele waren so erschöpft, dass sie kaum essen konnten. Doch mit dem ersten Bissen kam der Appetit.
Auch zahlreiche Kinder waren unter den Flüchtlingen. Ein etwa vierjähriges Mädchen klagte, dass sein „Teddybär“ vergessen worden sei und jetzt „verhungern“ müsse. Trotz allem spielten die Kinder bald wieder miteinander und schienen die Schrecken der vergangenen Tage für einen Moment zu vergessen.
Basel ist wieder Dreiländerecke
Durch die Besetzung von Neudorf und Hüningen sowie die Säuberung des linken Rheinufers von der Schweizergrenze rheinabwärts bis zum Hüninger Kanal und darüber hinaus Richtung Kembs, ist Basel wieder zur Dreiländerecke Schweiz-Frankreich-Deutschland geworden. Trotz der zunehmenden Zahl der in der Mustermesse untergebrachten Flüchtlinge aus Hüningen bleibt das Flüchtlingslager dort ungefähr konstant, da die Bewohner von Burgfelden wieder in ihre Heimstätten zurückkehren. Die Bewohner von St. Louis können wohl in den nächsten Tagen zurückkehren, wenn die Lage etwas geklärt ist.
Hüningen erleidet schweren Schaden. Die Zahl der Todesopfer soll jedoch nicht gross sein. Seit Freitagmittag, nachdem die Deutschen Hüningen räumen und die Franzosen dort einziehen, herrscht in der ehemaligen Grenzstadt relative Ruhe. Am Nachmittag und auch zu Beginn des Abends schiesst die im Kandertal postierte deutsche Artillerie noch mehrmals auf den geräumten Brückenkopf. Ein schwerer Artilleriekampf tobt jedoch den gesamten Abend hindurch in der Gegend von Mulhouse.
Seitdem die Franzosen Hüningen besetzen, breitet sich in der badischen Nachbarschaft eine nervöse Stimmung aus. Bereits am Tag zuvor rufen die Behörden die Volkssturm-Mannschaften auf, und in Lörrach kursiert noch am gleichen Abend das Gerücht, die Franzosen seien bereits über die Basler Rheinbrücken marschiert. Von Lörrach bis in die Gegend von Säckingen legen die Menschen Schanz- und Laufgräben an. Gleichzeitig werden die Bewohner von Friedlingen, Haltingen und Weil in sicherere Gegenden evakuiert. Aktuell steht auch die mögliche Evakuierung von Lörrach zur Diskussion.
Die badische Bevölkerung errichtet entlang der Schweizer Grenze und ausserhalb ihrer Ortschaften Barrikaden und Panzersperren, wobei diese Arbeiten von Militärpersonen beaufsichtigt werden. Meist sind es Frauen und ältere Menschen, die sich an diesen Arbeiten beteiligen müssen - Foto Kriegstagebuch Gertrud Löw - Bearbeitung und Kolorierung Patrick Schlenker
Seitdem sich die deutschen Truppen, wie bekanntgegeben wird, „unbemerkt vom Feind absetzen“, herrscht in der elsässischen Grenzregion relative Ruhe.
Kleinhüningen im Schatten des Krieges
Während die Kanonensalven unablässig über die Stadt hinwegdonnern, fällt es nicht jedem sofort ein, an die entlegensten Teile der Stadt zu denken – jene, die unmittelbar an der Grenze liegen. Um die Lage besser zu verstehen, begeben wir uns nach Kleinhüningen. Die Dorfstrasse wirkt wie erstarrt, und während wir uns ihr langsam nähern, unterbricht eine heftige Kanonade die Stille. Es ist unüberhörbar, wie laut und nah die Abschüsse und Einschläge in diesem Grenzgebiet hallen.
Wie reagiert die Bevölkerung?
Aber wie gehen die Bewohner Kleinhüningens an verschiedene Orte des alltäglichen Lebens mit der ständigen Bedrohung um – Gasthäuser, die Polizeistation, kleine Läden. Überall begegnen wir Menschen, die sich austauschen, von Neuigkeiten berichten und Sorgen teilen. Der Gesamteindruck überrascht: Trotz der Gefahr bewahren viele eine bemerkenswerte Ruhe. Diese Standhaftigkeit, so zeigen es Berichte aus unzähligen Kriegsgebieten, scheint tief in der Natur der Menschen verankert. Doch die Angst ist spürbar, besonders bei den Einschlägen, die über das blosse Donnern der Kanonen hinausgehen. Einschläge und Schäden häufen sich. Die Turnhalle verlor Dachziegel, das Haus des Blasenmeisters wurde so schwer getroffen, dass es evakuiert werden musste. Bewohner, deren Häuser betroffen sind, suchen Schutz, doch die Verunsicherung bleibt.
Warnungen des Territorialkommandos und die unablässigen Durchsagen der Lautsprecherwagen erinnern die Menschen an die Gefahr. Manche Familien verlassen ihre Häuser, um bei Verwandten in der Stadt sicherer zu übernachten, kehren jedoch tagsüber zurück, um ihre Aufgaben fortzusetzen. Der Alltag wird so gut es geht bewältigt, aber die Unsicherheit bleibt ein ständiger Begleiter.
Trotz allem versuchen die Kleinhüninger, ihre Routinen aufrechtzuerhalten. Eine junge Ladenbesitzerin berichtet, dass ihre Mutter die Stadt verlassen hat, um in Ruhe schlafen zu können: „Man kann tagsüber nicht im Laden stehen, wenn man nachts kein Auge zubekommt.“ Einst ein geschäftiges Zentrum mit internationalem Flair, ist Kleinhüningen heute still. Früher klingelten hier Münzen aus Frankreich, Holland, Deutschland und der Schweiz in den Kassen. Heute ist davon wenig übrig.
Im Gespräch mit einem Matrosen der Schweizerischen Reederei AG wird klar, wie unterschiedlich die Menschen die Situation erleben. Er bleibt gelassen: „Das hier ist nichts im Vergleich zu Mannheim,“ sagt er mit einem Schulterzucken. Für ihn sei das alles relativ. Dennoch musste auch in Kleinhüningen die Arbeit für mehrere Tage ruhen, bis sie, begleitet von ständigen Luftalarmen, wieder aufgenommen wurde.
Trotz einzelner Panikreaktionen bleibt die Mehrheit der Bevölkerung entschlossen. Einige Familien suchen für die Nächte Schutz in sichereren Teilen der Stadt, kehren aber jeden Morgen zurück, um ihr Leben fortzusetzen. Kleinhüningen zeigt, wie belastbar und widerstandsfähig eine Gemeinschaft sein kann. Selbst im Schatten des Krieges bewahren die Menschen ihre Würde und schaffen es, ihren Alltag so gut wie möglich weiterzuführen. Ihre Beharrlichkeit ist ein Zeichen dafür, dass auch unter schwersten Bedingungen Hoffnung bestehen bleibt.
Territorial-Kommando Basel
Fliegeralarm:
14:12 - 15:10 Uhr
Aus den Berichten der Schweizer Armee:
Während der ganzen Nacht Artillerietätigkeit. Nach Tagesanbruch weitere Artillerietätigkeit.
18:48 Uhr: Meldung - Einschlag in die Kirche von Hüningen - Zerstörung des Zifferblattes.
13:00 - 15:00 Uhr: Fliegeraktionen im badischen Gebiet.
14:24 Uhr: Friedlingen wird bombardiert.
Verschiedene Telefonate mit dem Bürgerspital bezüglich Verwundeter beider Seiten.
16:00 Uhr: Meldung vom Spital - es wurden keine Verletzten abgesetzt.
16:15 Uhr: Hauptmann Halden mit 6 Mann zur Grenze bezüglich verletzter Soldaten.
16:45 Uhr: Hauptmann Halden meldet, dass die Verletzten noch nicht eingetroffen sind.
17:15 Uhr: Verletzte eingetroffen - benötigt werden weitere 20 Soldaten und der Bataillonsarzt.



