7. Dezember 1944
Der Krieg an der Dreiländerecke
Trotz der stürmisch-regnerischen Witterung hält die Artillerietätigkeit rings um die Dreiländerecke in der Nacht an, wenn auch in etwas schwächerer Intensität als in den vorhergehenden Nächten. Ein schweres Artillerieduell tobt am abend zwischen 19:00 und 20:00 Uhr im Raum zwischen Mülhausen und Colmar. Anschliessend beschränkt sich die französische Artillerie auf Störfeuer gegen Ziele auf der rechtsrheinischen Seite in der Gegend von Märkt. Heute früh, nach 06:00 Uhr, wird die Beschiessung der Ortschaften nahe der badisch-schweizerischen Grenze wieder intensiver.
Im elsässischen Hügelgelände wird beinahe die ganze Nacht über ein aussergewöhnlich hoher Motorfahrzeugverkehr beobachtet. Auf der gegenüberliegenden Seite ist der „Volkssturm“ trotz Regenwetters bis zum Einbruch der Dunkelheit mit Schanzarbeiten beschäftigt.
Sertorius: „General Patch überschätzt seine Kräfte“
Berlin, 7. Dezember. Der deutsche Militärkorrespondent Ludwig Sertorius kommentiert die Lage im Elsass: „Der starke Feinddruck im Elsass hält zwar weiterhin an, doch die Lage gibt inzwischen keinen Anlass mehr zu ernsthaften Besorgnissen. Es zeigt sich nun, dass General Patch seine Kräfte überschätzt. Nachdem er nach einem Durchbruch bei Strassburg glaubt, durch gleichzeitige offensive Vorstösse eine doppelte operative Wirkung erzielen zu können, erreicht er keines seiner Ziele.“
Im Süden, jenseits der Pfälzergrenze, kann die deutsche Führung jedoch weiterhin starke Sperrstellungen errichten, um die Amerikaner aufzuhalten. Auch die Stosstruppen der 7. Armee, die versuchen, den deutschen Sperrwall zwischen Rheinau und Schlettstadt zu durchbrechen, stossen auf zähen Widerstand. Der weitere Vorstoss im Gebiet der Vogesen ist nach wie vor stark eingeschränkt.
Die Kriegsschäden in den Grenzgebieten
Das Kriegsgeschehen hat sich inzwischen langsam von der Grenze entfernt, doch die verheerenden Auswirkungen bleiben bestehen. Die Menschen in den betroffenen Regionen werden noch lange an die schweren Zeiten erinnert. Der Boden rund um Montbéliard und Belfort ist von unzähligen Kratern durchzogen, die durch Minenexplosionen verursacht wurden. Viele dieser Minen sind noch nicht explodiert und stellen weiterhin eine Gefahr dar. In Villars-les-Blamont, einem Ort in der Nähe der Schweizer Grenze, verlieren vor wenigen Tagen zehn französische Soldaten ihr Leben durch eine dieser nicht explodierten Minen.
Die Schäden an den Häusern durch Bombardierungen und Artilleriebeschüsse sind weniger schlimm als zunächst befürchtet. Die grossen Peugeot-Werke in Sochaux tragen zwar deutliche Spuren des Krieges, sind jedoch nicht völlig zerstört. Allerdings wurden alle Maschinen und Ausrüstungsgegenstände aus den Werken geraubt. Während der Kämpfe um die Zugangsstrassen zum Elsass, die auf die Befreiung von Delle folgten, müssen die Einwohner von Chavannes-les-Grandes fünf Tage lang ohne Nahrung in ihren Kellern verbringen. Die „Tribune de Genève“ berichtet, dass die Erleichterung der Menschen nach der Befreiung verständlich ist, obwohl sie den Grossteil ihres Besitzes verloren haben. Diese schweren Verluste sind für die Bevölkerung, die ihre Häuser, Hab und Gut und oft auch ihre Lebensgrundlage verloren hat, kaum zu ertragen.
Fremde Flugzeuge beschiessen Niederweningen
Am frühen Morgen überfliegen fremde Flugzeuge unbekannter Nationalität das Hoheitsgebiet der Schweiz. Die Flüge finden zwischen 03:44 Uhr und 05:45 Uhr an der Nordwestgrenze zwischen Zurzach und Allschwil statt. Dabei beschiessen die fremden Flugzeuge über Niederweningen die Maschinenfabrik Bucher-Guyer (heute Bucher Industries) und einige Arbeiterhäuser mit Bordwaffen. Es entsteht Sachschaden, aber glücklicherweise wird niemand verletzt.
In Liestal kommt die Flab Batterie mit ihren 7.5cm Geschützen zum Einsatz und feuert 13 Schuss auf die fremden Flieger ab.
Augenzegenbericht: „Am frühen Morgen, kurz vor 04:00 Uhr, wird die Bevölkerung des Zürcher Surbtals plötzlich durch lauten Motorenlärm und das Dröhnen von Maschinengewehren aus dem Schlaf gerissen. Noch bevor die Bewohner genau wissen, was passiert, verschwindet das fremde Flugzeug wieder. Ein einzelnes Flugzeug nähert sich aus nordwestlicher Richtung dem Dorf Niederweningen und feuert wiederholt mit einer oder mehreren Bordkanonen vom Kaliber 20 Millimeter auf die Dächer der Maschinenfabrik Bucher Guyer, die aus Ziegeln und Glas bestehen. Auch einige Arbeiterhäuser werden getroffen, was Schäden an den Hausfassaden, Dächern und Fensterscheiben verursacht. Der Materialschaden, der durch diese Beschiessung entsteht, wird auf etwa 4.000 bis 5.000 Franken geschätzt. Glücklicherweise wird niemand verletzt und der Betrieb der Maschinenfabrik Bucher Guyer wird nicht unterbrochen.“
Territorial-Kommando
Aus den Berichten der Schweizer Armee:
03:49 - 04:31 Uhr: Fliegeralarm
11:45 Uhr: Major Burkhardt meldet: Die politische Abteilung kommt mit den Leuten aus St. Louis zurück. Sie möchten zu ihren Kindern in die Schweiz. Die politische Abteilung und das Rote Kreuz, Kinderhilfe, sind einverstanden, dass die Kinder von der Kinderhilfe mitgenommen werden können und gleich behandelt werden wie jene aus Belfort.
11:16 - 12:00 Uhr: Fliegeralarm - Mehrmals ist das Brummen von Flugzeugmotoren zu hören, jedoch hindert ein dichter Bodennebel eine klare Sicht.
11:50 Uhr: Ter. Kommando 4 bestellt für den 9.12.1944 einen PW.
Mitteilung über Spionageurteile
Amtlich wird mitgeteilt:
Zwölf Angeklagte erhielten geringere Strafen, während mehrere schwerwiegendere Urteile wie folgt lauten:
Vom Divisionsgericht 9 wurden 6 Personen verurteilt:
- L. W. geboren 1917, Kanonier, von Burgasch (Solothurn), Reichsbahngehilfe, Schaffhausen, zu lebenslänglichem Zuchthaus.
- N. M. geboren 1918, Fahrer, von Beterzell (St. Gallen), Reichsbahnarbeiter, Schaffhausen, zu lebenslänglichem Zuchthaus.
- W. L. E. geboren 1902, deutscher Reichsangehöriger, Reichsbahnassistent, Wilchingen, zu lebenslänglichem Zuchthaus.
- L. M. H., geboren 1916, Fahrer, von Tscherlach (Walenstadt), Reichsbahnarbeiter, Hallau, zu 18 Jahren Zuchthaus.
- W. P. geboren 1903, H.D. Motf., von Mnau (Zürich), Chauffeur, Schaffhausen, zu 15 Jahren Zuchthaus.
- F. E. K. geboren 1906, deutscher Reichsangehöriger, Chauffeur, Zürich, zu 4 Jahren Zuchthaus.
In diesem Verfahren wurden zudem sechs Angeklagte, die sich im Ausland befinden, in contumaciam zu Strafen von lebenslänglichem bis zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die Spionagetätigkeiten der Gruppe Grimm und Konsorten erstrecken sich über den Zeitraum von Mitte 1941 bis Herbst 1942, jene der Gruppe Leiz und Konsorten von Ende 1941 bis Anfang 1943.
Todesurteile vollstreckt
Die Todesstrafe gegen die wegen Verräterei verurteilten, deren Begnadigungsgesuche von der Vereinigten Bundesversammlung abgelehnt wurden, ist vollstreckt worden.
Die Vollstreckung des Urteils gegen Fourier P. musste aufgrund einer Erkrankung des Verurteilten verschoben werden.
