8. Dezember 1944
Umgebung des Kraftwerks Kembs beschossen
Strategische Bedeutung und zunehmende Spannungen
Die Region um Basel, mit ihrer Nähe zur Dreiländerecke, ist erneut Schauplatz intensiver militärischer Aktivitäten. Die Beobachtungen von Flugzeugen, die Präsenz des „Fieseler Storchs“ und die starken Beschiessungen verdeutlichen die strategische Bedeutung dieses Gebiets. Die anhaltenden Spannungen und die sichtbaren Rauchzeichen von Nebelgranaten und anderen Geschossen lassen die Menschen in der Umgebung nicht zur Ruhe kommen.
Flugzeuge und Artilleriebeschuss in der Region um Basel
Moderne Aufnahme einer P-47 Thunderbold - Quelle Youtube WingsTV Channel
Am Mittag erscheinen erneut Flugzeuge nördlich von Basel. Gegen 13:00 Uhr Uhr sichtet man in der Gegend um Istein etwa zehn Maschinen, die vermutlich Thunderbolts sind. Immer wieder tauchen sie aus den tiefhängenden Wolken auf, die das badisch-elsässische Grenzgebiet überspannen. Auch ein „Fieseler Storch“, einst eine Seltenheit in diesem Gebiet, ist wieder präsent. Er scheint sich mittlerweile in der Region heimisch zu fühlen. Heute inspiziert er die Elsässer Hardt sowie die Hügelkette rund um Istein völlig ungestört. Üblicherweise löst jedes fremde Flugzeug, das sich diesem Gebiet nähert, sofortige Reaktionen aus, doch der „Fieseler Storch“ kann unbehelligt bis an den Rand des elsässischen Hügelgebiets fliegen und sogar die Ortschaften von Häsingen bis Bartenheim überblicken.
Morane-Saulnier MS.505 Criquet - Lizenzbau der „Fieseler Storch“ - Foto Patrick Schlenker
Zur selben Zeit beginnt vom elsässischen Boden aus ein intensiver Minenwerferbeschuss auf Friedlingen. Diese Beschiessung dauert mit Unterbrechungen bis in den späten Nachmittag an. Über einen weiten Bereich, der vom Rheinufer bis hin zum Bahnhof reicht, schlagen immer wieder Geschosse ein. In Kleinhüningen hört man die Explosionen deutlich, sie sind an zahlreichen Stellen wahrnehmbar. Es handelt sich offenbar um eine gezielte Störaktion, die verhindern soll, dass sich jemand aus der Deckung wagt. Jede verdächtige Bewegung auf der gegenüberliegenden Seite wird von deutscher Seite umgehend mit Maschinengewehrfeuer beantwortet.
Ein ungewöhnliches Schauspiel
Von den Anhöhen rund um Basel beobachten Anwohner ein aussergewöhnliches Szenario, sobald die Regenwolken kurz aufreissen und die Sicht wieder klar wird. Weisser Rauch, blendend hell und weithin sichtbar, steigt aus Nebelgranaten auf und ist über eine Distanz von mehr als 20 Kilometern zu sehen. Besonders auffällig sind diese Rauchsäulen südwestlich von Mülhausen. Anfangs steigen sie schmal und gerade wie Säulen in die Luft, doch der Wind zerstreut den Rauch schnell. Die weissen Wolken vermischen sich mit denen weiterer Granaten und bilden schliesslich breite, dichte Rauchschleier, die sich über das Gebiet ausbreiten.
Ähnliche Rauchsäulen erblickt man in der Region von Sierentz, in der Umgebung von Habsheim und an anderen Stellen im Hardtwald. Diese Aktivitäten deuten auf eine zunehmende Intensität der militärischen Operationen hin.
Gegen Mittag wird Friedlingen besonders stark von den Minenwerfern auf der elsässischen Seite unter Beschuss genommen. Die Geschosse treffen in einem breiten Bereich von der Nähe des Rheins bis in die Stadtgebiete hinein. Der ohrenbetäubende Lärm der Detonationen ist an allen Ecken und Enden zu hören. Dies führt dazu, dass die Menschen in ihren Schutzräumen verbleiben und sich kaum ins Freie wagen.
Auf deutscher Seite bleibt man aufmerksam. Jede verdächtige Bewegung „drüben“ wird beobachtet und sofort mit Feuer erwidert. Maschinengewehrsalven peitschen über die Grenze, sobald etwas Ungewöhnliches auf der elsässischen Seite bemerkt wird.
Tüllinger Hügel mit Weil am Rhein im Vordergrund vor der Beschiessung der Stadt und des Hügels - Postkarte Friedrich Gütermann Lörrach /Baden - Kolorierung Patrick Schlenker
Luftraumverlegungen
Amtlich wird mitgeteilt: Im Verlauf des 8. Dezember überflogen in der Zeit von 08:07 bis 08:30 Uhr und von 12:17 bis 16:44 Uhr fremde Flugzeuge, deren Nationalität nicht festgestellt werden konnte, den Kanton Graubünden sowie die Grenzgebiete von Brugg, Brüntrut, Schaffhausen, Genf und das Mittelland nordwestlich der Linie Aarau-Olten-Bern. Fliegeralarm wurde in den gefährdeten Gebieten ausgelöst.
Territorial-Kommando
Aus den Berichten der Schweizer Armee:
10:15 - 11:15: Platzkommandant auf dem Kommandoposten.
12:20 - 13:14: Fliegeralarm.
Eingang einer Meldung eines Bewohners der Gemeinde Riehen bezüglich der Beobachtung von Truppen in der Gegend von Landau.
16:21 - 16:51: Fliegeralarm.
17:00 Uhr: Besprechung des Kommandanten mit dem Arzt des Gebirgs-Infanterie-Regiments 5.
18:00 - 19:00 Uhr: Rapport des Territorialkommandos.
Traktandum:
- Die Behandlung und Aufnahme der Schäden durch Flieger- bzw. Artilleriebomben (eigene und fremde) wird Oblt. J. übertragen.
- Die Luftschutz-Kompanien bleiben Ansprechpartner für die Privatpersonen.
- Das Regiment stellt zwei Funkwachen zur Verfügung.
- Zehn PW ohne Chauffeure.
- Da das Infanterieregiment 5 zu wenig zu tun hat, stellt es Mannschaften für das Krankenzimmer (KZ) Muba zur Verfügung.
- Der Kdt. teilt mit, dass der neue Regimentbefehl mit den Grenzorganen zu tun hat und die Gespräche über die Grenze an Polizei-Offiziere delegiert wurden.
- Der Kdt. teilt zudem mit, dass mit der Rückführung der Kinder nach Belfort demnächst begonnen werden kann. Der Kdt. will dafür sorgen, dass die Transporte so organisiert werden, dass die Kinder nicht nochmals in Basel übernachten müssen.
- Die in Allschwil diensttuende Kompanie fordert vier Mann des örtlichen Werkschutzes (Luftschutz) an.
- HD-Bew.-Kp. 4 meldet, dass im Flüchtlingslager MUBA nicht genügend Leute im Dienst seien.
- Det. 23 wird administrativ unter das Kommando von BS 1 gestellt.
- Besprechung der zu treffenden Massnahmen, falls die Hüninger Flüchtlinge längere Zeit nicht zurückkehren können.
Flüchtlingslager MUBA:
- Eingang: 143 Personen
- Ausgang: 235 Personen
- Bestand: 1.142


