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21. Dezember 1944

Die deutschen Barrikaden entlang der Schweizergrenze

Die deutschen Behörden errichten entlang der gesamten Schweizer Nordgrenze Barrikaden oder treffen entsprechende Vorbereitungen. Besonders an Grenzübergängen wie bei Konstanz, Stühlingen-Oberwiesen und an der Hallauerbrücke in Stühlingen werden starke Panzerbarrikaden aufgestellt. Jenseits der Wutachbrücke rammen Arbeiter massive Holzpflöcke in den Boden, und schwere Querbalken liegen bereit, um bei Bedarf die Strassen sofort zu blockieren.

Die Massnahmen lösen zahlreiche Spekulationen aus. Im badischen Grenzgebiet kursieren Gerüchte, dass die Schweiz politisch nach links geschwenkt sei und bolschewistisch regiert werde. Angeblich erhalten die Russen, Amerikaner und Engländer freien Durchmarsch, um Deutschland von Süden her anzugreifen. Tatsächlich scheinen die Barrikaden jedoch ein Versuch zu sein, die wachsende Angst der süddeutschen Bevölkerung zu mildern. Zugleich dienen sie offenbar der Kontrolle möglicher Flüchtlingsströme, die beim Vormarsch der Alliierten einsetzen könnten, um zu verhindern, dass diese ungehindert in die Schweiz gelangen.

Evakuierungen und Transporte: Die Wutachtalbahn wird intensiv für Evakuierungstransporte genutzt. Züge bringen Menschen aus dem Oberrheingebiet in sicherere Regionen. Auch schwere, doppelachsige Lastwagen sind unterwegs, vor allem Richtung Allgäu und in die Bodenseeregion. Diese Transporte verdeutlichen die angespannte Lage im Grenzgebiet.

Das Leben in Konstanz

Eine Frau aus Kreuzlingen berichtet von einem Besuch bei ihrer verheirateten Tochter in Konstanz. Sie beschreibt eine bedrückende Atmosphäre in der Stadt:

„Die Strassen sind überfüllt. Überall sehe ich Fremde – Franzosen, Italiener, Polen und Russen. Sie bewegen sich frei, besonders sonntags, wenn sie ihre Landsleute treffen dürfen. Einige Gaststätten sind komplett für sie reserviert. Dort kochen sie ihre eigenen Gerichte, singen, essen und feiern nach ihrer Art. Das wirkt unheimlich. Ach, wenn der Krieg doch nur endlich vorbei wäre!“

Dieses Stossgebet scheint die Gedanken vieler Menschen zu spiegeln und bleibt das Hauptthema in Gesprächen der Region.

Territorial-Kommando

Aus den Berichten der Schweizer Armee:

Mitteilung: Das Bürgerspital meldet die Einlieferung eines verletzten Mitglieds der Forces Françaises de l’Intérieur (FFI). Es erfolgt eine Anfrage an das Territorialkommando, ob der FFI-Angehörige als Soldat zu behandeln ist. Major Burckhardt antwortet: Die Person ist als Militärperson anzusehen und entsprechend zu behandeln.

16:00 Uhr: Versammlung der Bewachungskompanien KP 1 BL und KP 9 BS.

17:40 Uhr: Abmarsch der beiden Detachements unter der Führung von Hauptmann Rappred zur Weihnachtsfeier des Infanterie Regiments 5 auf dem Münsterplatz.

18:00 Uhr: Beginn der Weihnachtsfeier für die Soldaten in Anwesenheit des Generals und der Basler Regierung.

19:15 Uhr: Vorbeimarsch der Truppen vor dem General auf dem Marktplatz.

Die Weihnachtsfeier auf dem Münsterplatz in Basel

Soldatenweihnacht: Soldaten auf einem Platz - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/505 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

Es gibt keinen Moment im Jahr, in dem wir die Gnade, vom Krieg verschont zu bleiben, so intensiv empfinden wie an Weihnachten. Während draussen in den Kriegsgebieten die Menschen sich gegenseitig töten und zerfleischen, während Städte mit alten Kulturen in Staub und Asche versinken und Tausende von unschuldigen Menschen begraben werden, dürfen wir heute, im sechsten Jahr des Krieges, wieder das Fest der Liebe feiern.

Soldatenweihnacht: Soldaten um Weihnachtsbaum auf dem Münsterplatz - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/98 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

Für Basel ist dieses Fest mit einem tief empfundenen Dank verbunden: nicht nur für die Bewahrung unseres Landes vor all dem Entsetzlichen, sondern auch für unsere Armee, die, obwohl wir ständig das Geräusch von Flieger- und Kanonenschlägen hören, an unserer Grenze treue Wacht hält – Deutsche, Schweizer und Welsche, so wie es der General befohlen hat. Aus diesem Grund ist auch die Soldatenweihnachtsfeier auf dem Münsterplatz, die durch die Anwesenheit von General Guisan besonders wird, ein ergreifender Moment.

Die Truppen marschieren auf dem Platz auf – in Stahlhelm und Mantel, in Fünfzigerreihen, ein Volk in Waffen, das sich auf diesem historischen Platz in Basel als Symbol der Wehrhaftigkeit versammelt. Der mächtige Weihnachtsbaum ragt weit über die Dächer hinaus, seine Lichterketten leuchten bis zur Spitze. Der Baum ist umgeben von Fahnen, und die Rednertribüne ist bereitet. Das Glockengeläute beginnt, und die Feier nimmt ihren Lauf.

Soldatenweihnacht mit General GuisanFoto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1013 1-27 2  (Foto Hans Bertolf) - Kolorierung Patrick Schlenker

Auf dem Podium in den einladenden Winkeln des Rollerhofs steht in Fackelbeleuchtung die Regimentsmusik, flankiert von den Basler Militärtambouren. Als Oberst Guisan den Befehl gibt, erstarren die Reihen in Achtungstellung. Die Basler Tambouren beginnen mit ihren mächtigen Trommeln, begleitet von der Musik, den Wettstein-Marsch zu spielen.

Soldatenweihnacht: General Guisan am Rednerpult auf dem Münsterplatz - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/506 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

Der General tritt vor die Fahnen, deren rote Farben vom Licht des Weihnachtsbaums erleuchtet werden. Er grüsst die Fahnen, die sich ihrerseits senken, um ihm zu huldigen. Dann steigt er zur Rednerkanzel, um eine kurze, prägnante Weihnachtsansprache zu halten, die wir an anderer Stelle bereits im Wortlaut wiedergegeben haben.

„Stille Nacht, Heilige Nacht“, gespielt vom Regimentsorchester, erklingt über den Platz. Der Regimentskommandant meldet dem General das Ende der Feier, und die Glocken des Münsters beginnen erneut, den Platz zu erfüllen.

Soldatenweihnacht: Soldaten um Weihnachtsbaum auf dem Münsterplatz - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/97 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

Das Defilee

Nach der bewegenden Weihnachtsfeier auf dem Münsterplatz begeben sich die Ehrengäste durch das Rathaus hinunter zum Marktplatz, der bereits von einer erwartungsvollen Menschenmenge besetzt ist. Auch die Fenster und Balkone rund um den Platz sind überfüllt. Gegenüber dem Rathaus hat das Spiel und die Basler Tambouren Aufstellung genommen. Auf einem Podium vor dem mittleren Rathausportal steht der General im Vordergrund, hinter ihm die Basler Regierung, der Grossratspräsident und die Basler Vertreter in der Bundesversammlung, umgeben von Offizieren im Scheinwerferlicht.

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Soldatenweihnacht des Infanterie Regiments 5 mit General Guisan in der Freien Strasse - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 9864 (Fotoarchiv Wolf) - Kolorierung Patrick Schlenker

Nun beginnt das Defilee: Abteilung für Abteilung marschieren die Soldaten im flüssigen Marsch an den Ehrengästen vorbei, die Augen streng auf den General gerichtet, der mit einem leisen Nicken die Marschierenden grüsst. Angeführt werden die Abteilungen von den Kommandanten, gefolgt von der Fahnenwache. Ein wehrhaftes Schweizervolk zieht vorüber, bis das Defilee, der letzte Akt der feierlichen Weihnachtsveranstaltung, zu Ende geht. Für alle, die daran teilnehmen durften, wird diese Feier der sechsten Kriegsweihnacht in Basel unvergesslich bleiben.

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Soldatenweihnacht: Militärparade vor General Guisan - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/96 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

Am Ende des Defilees marschieren auch der Basler Luftschutz, Männer und Frauen, in strammer Ordnung. Das leise Wogen der Stahlhelme verschwimmt schliesslich im Halbdunkel des nächtlichen Platzes.

Der Abschied des Generals

Langsam bahnt sich der General mit seiner Begleitung einen Weg durch die jubelnde Menge. Nach dem Abendessen im Schloss und einem traditionellen Ständchen von Musik und Basler Tambouren erklärt Oberstkorpskommandant Miescher, dass das Fundament der Armee der einfache Soldat sei, der seine Pflicht erfüllt. Der General, sichtlich bewegt, bekennt, dass er sich in Basel wohl und wie im Familienkreis fühle. Wir aber dürfen uns freuen, dass der Oberbefehlshaber unserer Armee den Gedanken der Einheit des Schweizervolkes in so natürlicher und volksverbundener Weise verkörpert.

Diese Weihnachtsfeier, inmitten des Krieges, gibt den Menschen in Basel und der Schweiz neue Kraft und Zuversicht.

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Soldatenweihnacht: Militär-Tambouren und Fackelträger auf dem Münsterplatz - Foto Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/7/987 (Foto Jeck Basel) - Kolorierung Patrick Schlenker

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