23. Dezember 1944
Gefechte in der Grenzregion
Von der Grenza aus kann man eine Anzahl Kriegsgefangener, die mit Schaufeln und Spaten zur Errichtung von Befestigungsanlagen auszogen beobachten. Ähnliche Schanzarbeiten werden auch in der Gegend zwischen Badisch-Rheinfelden und Sädingen ausgeführt.
Deutsche Zivilisten bei Schanzarbeiten an der Grenze zur Schweiz und Frankreich Ende Dezember 1944 - Foto Privatarchiv
Der General bei den Flieger und Flab-Truppen im Reduit
Am Abend nimmt der General an einer Weihnachtsfeier auf einem Flugplatz im Réduit teil. Feldprediger beider Konfessionen wenden sich an die Truppen, worauf der General eine Ansprache hält, in der er zunächst auf die besondere Aufgabe und Leistung der Flieger- und Flabtruppen hinweist. Dann spricht er zur gesamten Armee und sagt: „Für viele hat dieses Jahr im Vergleich zu anderen Jahren längere Dienstzeiten gebracht, nicht aber in demselben Masse für alle. Es gibt in der Armee, wie Sie wissen, wegen der Verschiedenheit der Waffengattungen keine Möglichkeit, alle Dienstleistungen auszugleichen. Für viele waren deshalb die Anforderungen ungleich grösser. Zu den Anstrengungen und Opfern kommen für alle noch die Sorgen für die Zukunft.“
Die Weihnachtszeit mahnt zur Einkehr und Besinnung. Für kurze Zeit sollen die Schwierigkeiten des Augenblicks vergessen werden, um die Lage im Allgemeinen zu betrachten.
„Das Wichtigste ist unsere Freiheit, die noch unberührt ist, und unsere unverlegte Heimat in einem vom Kriegsbrand verwüsteten Europa. Weder Ermüdung noch Sorglosigkeit dürfen uns befallen. Wir dürfen uns nicht einreden, dass unser bisher einzigartiges Schicksal dem Land gewissermassen auch für alle Zukunft zugesichert sei. Dankbarkeit soll uns erfüllen gegenüber dem Schutz Gottes, der uns in so reichem Masse beigestanden hat.“
Es ist allgemein bekannt, dass die Massnahmen zur Sicherung der Unabhängigkeit des Landes notwendig sind. Doch die Frage bleibt: Sind wir immer bereit, uns persönlich dafür einzusetzen? Sind wir nicht manchmal versucht, unseren eigenen Pflichten auszuweichen und andere die ganze Belastung der Mobilisation tragen zu lassen? Fast alle wissen übrigens, dass auch wir nur durch Solidarität im Zivilleben wie im Militärdienst zum Ziel kommen können. Leider gibt es immer noch solche, die dies nicht begreifen. Wie jene, die sich für unbedeutende Gründe ein Arztzeugnis ausstellen lassen, in der Hoffnung, am Einrückungstag ihrer Einheit entlassen zu werden, oder solche, die ohne besondere Notwendigkeit zum Nachteil ihrer Kameraden ihren Urlaub ausdehnen. Ferner gibt es Arbeitgeber, die beim Einstellen neuer Arbeitskräfte Leuten den Vorzug geben, die keinen Militärdienst leisten. Ich will gerne glauben, dass dies Ausnahmen sind. Diesen können viele schöne Beispiele von Opfersinn und Solidarität entgegengestellt werden.
Wir lieben es, von unserer Heimat als dem Land freier Männer zu sprechen, für das wir, wenn nötig, das Leben einsetzen. Worin besteht eigentlich diese Freiheit? In einer Gesinnung, die dankbar und gläubig gegen Gott, gerecht und hilfsbereit gegenüber den Mitmenschen und hart gegenüber sich selbst sein soll.
Gedanken zum Ende des Jahres 1944
Es sieht so aus, als ob der geplagten Welt ausgerechnet zu Weihnachten „die grösste und erbittertste Schlacht an der Westfront“ beschert werden sollte. Die deutsche oberste Heeresleitung will ihrem Volk ein Weihnachtsgeschenk präsentieren, um die Stimmung zu heben; als zeitgemässestes Weihnachtsgeschenk betrachtet sie offenbar – denn was könnte eine Heeresleitung anderes schenken? – die Ankündigung, dass so und so viele Soldaten der Feindesseite gefangen wurden oder gefallen seien, so und so viele Landstriche zerstört, Flugzeuge abgeschossen seien und was dergleichen unsere Zivilisation charakterisierende Erfolge sonst noch sind.
Irgendwo lasen wir in diesem Zusammenhang, dass an den vier Weihnachtsfeiern, die die Pariser unter deutscher Besetzung verbrachten, das deutsche Stadtkommando in der grossen Halle eines Pariser Bahnhofs einen riesigen Weihnachtsbaum aufstellen liess. Dieser Appell an die Sentimentalität habe jedoch bei der Pariser Bevölkerung gegenteilige Wirkungen ausgelöst. Nach der Befreiung versprach die neue Pariser Regierung den Bewohnern, dass jede Familie zu Weihnachten einen halben Zentner Kohle erhalten sollte, da bisher überhaupt keine Brennstoffzuteilung erfolgt war. Doch dieses Geschenk scheint wegen Transportschwierigkeiten ausgeblieben zu sein.
Dies wären also Dinge und Ereignisse, die die allgemeine Atmosphäre der sechsten Kriegsweihnacht charakterisieren. Gewalt, Not und Elend, Hunger und Kälte haben das Wort. In einer der vielen Rezensionen, die jetzt überall über die zum Jahresende massenhaft erschienene schöne Literatur zu lesen sind, fanden wir kürzlich die Bemerkung, einer Verfasserin irgendeines Romans sei es gelungen, uns in einer Wirklichkeit zu fangen, die nur dadurch phantastisch wirkt, dass sie „wirklicher ist als unsere faktische Wirklichkeit“. Was mit dieser Empfehlung gemeint sein soll, habe ich zwar nicht verstanden, aber das wäre allerdings das Schönste, wenn wir uns schon durch das Lesen eines Romans eine andere Wirklichkeit beschaffen könnten – eine, die sogar noch „wirklicher“ ist als die „faktische Wirklichkeit“.
Nur rücksichtslose Wahrheit kann uns jene Ausgangsposition verschaffen, von der aus es wieder aufwärts gehen könnte.
Es scheint, als ob in einer brutalen Welt heute Propaganda betrieben wird, um sie als menschlich darzustellen. Ein Eid, schwer von der Zersetzung, wird uns auferlegt, während dieser Krieg meine Gedanken resultieren lässt in Misstrauen. Stolz zerbricht, und doch strebt man danach, wieder aufzubauen.
Ein geistiges Aufbäumen, auch ein Ergreifen von Lösungen, wäre dringend notwendig. Von einem Kaufmann, dessen Geschäft in Schwierigkeiten geraten ist, verlangt man auch zuerst, dass er eine wahrheitsgemässe Bilanz aufstelle.
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Der verstorbene Anglist, Professor Berhard Fehr (18.2.1876 Basel, † 30.5.1938 Zürich), hat ein Buch mit dem Titel „Von Englands geistigen Beständen“ hinterlassen. Wie steht es mit den „geistigen Beständen“ unseres eigenen Volkes? Dem Einwand, dass in einer Welt, in der heute die brutale Macht so ausschliesslich regiert, alles Geistige belanglos werde, kann entgegnet werden, dass gerade in diesem Krieg auch die grosse Bedeutung dessen, was man heute „Ideologien“ nennt, deutlich geworden ist. Bei der Propaganda, die eine so ungeheure Macht darstellt, ist zwar oft nicht mehr viel „Geist“ vorhanden, aber sie sucht jedenfalls, auf die „geistigen Bestände“ der Menschen einzuwirken.
Wir können, ohne in Überheblichkeit zu verfallen, feststellen, dass in diesen mehr als fünf Kriegsjahren die geistigen Bestände unserer Eidgenossenschaft als Ganzes gesehen eine ungeheuer schwere Belastungsprobe schlecht und recht bestanden haben. Wir übersehen dabei auch die Zersetzungserscheinungen nicht, und vor allem müssen wir uns eingestehen, dass etwas ganz Ungewisses besteht: wie weit diese Bestände in das Bewusstsein der jetzt heranwachsenden jungen Generation übergegangen sind. Aus manchen Äusserungen junger Menschen kann man feststellen, dass sie aus den Erlebnissen dieser Zeit den Schluss ziehen, die Katastrophe dieses Krieges stelle eine Beurteilung nicht nur der allgemeinen Vorkriegsordnung, sondern auch des ganzen Daseins der Vorgängergenerationen dar.
Daraus resultiert eine Abwehreinstellung, die von Anfang an misstrauisch ist gegenüber allem, was aus der Tradition stammt und dementsprechend vielleicht auch für manches Gute nicht sehr aufnahmefähig ist. Zu dem Stolz darüber, dass sich unser Volk in dieser schwierigen Bewährungsprobe behaupten konnte, gesellt sich daher oft die bange Frage, in welcher Richtung sich unsere nächste und übernächste Generation entwickeln wird. Kriegszeiten sind immer sehr schwer zu beurteilende Zeiten in der geistigen Entwicklung eines Volkes.
Eine ganz andere Frage ist, wie weit unsere geistigen Bestände (und zwar sind dabei hier immer auch die politischen und sozialen Anschauungen inbegriffen) ihrer ganzen Art nach geeignet sind, zur Lösung der so ganz neuartigen Nachkriegsprobleme beizutragen. Allgemein können wir feststellen, dass der geistige Impuls der Schweizer viel mehr auf das Erhalten als auf das Beschreiten neuer Wege eingestellt ist.
Bei verschiedenen Gelegenheiten war es sehr deutlich zu sehen, wie wenig bis heute in unserem Volke irgendeine Abklärung und Einheitlichkeit der Anschauungen in Bezug auf die Nachkriegsaufgaben besteht. Gerade in dieser Hinsicht waren die innerpolitischen Vorgänge der letzten Wochen sehr lehrreich. Die russische Absage an die Schweiz wirkte wie ein Stein, der in ein stilles Gewässer geworfen wird; nach lebhafter Bewegung trat bald wieder eine Beruhigung ein, die Parole lautete: „innere Geschlossenheit!". Es geht nicht darum, ob diese Parole richtig oder unrichtig ist; natürlich ist sie in allen kritischen Zeiten richtig. Das Wesentliche aber war, dass die von rechts nach links und von links nach rechts gerichteten Vorwürfe sofort wieder die alten Fronten bildeten, deren Starrheit wir für weitgehend überwunden hielten. Auf jeder Seite stellte man sich sofort auf die Erhaltung der bestehenden Werte und politischen Strukturen ein.
Die höchsten kulturellen Werte müssen wieder in den breiten Massen der Völker verwurzelt werden. Sie können nicht, wie es für die Zivilisation der Vorkriegszeit typisch war, isoliert neben dem wirtschaftlichen und sozialen Bereich existieren. Gerade aus diesem Grunde ist die Sozialpolitik zum Kernpunkt aller zukünftigen Politik geworden. Wir wissen auch, dass es neben den wirtschaftlichen und sozialen Fragen noch andere geistige Probleme gibt. Aber diese geistigen Werte sind heute der Gewalt ausgeliefert und können nur gerettet werden, wenn durch eine mutige Sozialpolitik in den breiten Massen der Völker die Werte der Freiheit, der Würde des Menschen und des Rechtsanspruchs jedes einzelnen Menschen eine neue Verwirklichung und damit Leben finden. Durch mutige Taten im Kampf für eine bessere soziale Ordnung wird auch das Wirksamste für die Erhaltung unserer übrigen geistigen Bestände geleistet.
Auch unser Volk muss in dieser Zeit aus der Grundhaltung der blossen Verteidigung des Bestehenden, der blossen Abwehr, des Erhaltens dessen, was ist, heraustreten und mutig neue Wege beschreiten. Wie würden die Menschen zum Beispiel aufhorchen, wenn der Bundesrat morgen erklärte: Bei der Altersversicherung wollen wir einmal den alten, normalen Weg verlassen. Es soll nicht, wie kürzlich beschlossen, bis zum 1. Januar 1948 mit der Verwirklichung dieses Postulates gewartet werden. Wir wollen eine kühne Tat tun, alle die guten Willens sind, zum Mithelfen aufrufen und bis in einem Jahr diese soziale Forderung erster Ordnung verwirklichen. Wie würde solcher Elan vielen wieder Hoffnung machen – nicht wegen der an sich bescheidenen Renten, sondern wegen des Elans an sich, wegen der Tatkraft, wegen der Hoffnung, die darin zum Ausdruck käme. Wohl feiert die Gewalt heute in der Welt geradezu entsetzliche Triumphe – aber der Geist wird trotzdem triumphieren, wenn seine Kraft in kühnen Taten zum Ausdruck kommt.
Territorial-Kommando
Aus den Berichten der Schweizer Armee:
05:44 - 06:18 Uhr: Fliegeralarm (fast zur selben Zeit wie Tags zuvor)
10:30 Uhr: Platz Kdt. und Arzt A3 auf KP
Nachmittags Kdt. und Stabschef auf KP. Melden sich ab in den Urlaub
Beginn des Weihnachtessens
Dank des Generals für die Weihnachtsfeier auf dem Münsterplatz an die Basler Regierung


