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25. Dezember 1944

Gefechtstätigkeit nimmt wieder zu

In der Christnacht, kurz nach halb 1 Uhr, beginnt die französische Artillerie im Raum von Bartenheim plötzlich ihre Offensive. Ununterbrochen donnern die Schüsse, während Granaten bis zum Morgengrauen des Weihnachtstages auf Ziele im Eingangsbereich des Kandertals, bei Eimeldingen, in Kirchen und anderen Orten abgefeuert werden. Gleichzeitig kommt es zu heftigen Bunkerbeschiessungen sowohl auf deutscher als auch auf französischer Seite, wobei Schüsse aus automatischen Waffen die Luft durchbrechen. Dies folgt auf eine längere Zeit intensiven Maschinengewehrfeuers auf das Festungswerk bei Hüningen.

Gegen 11:00 Uhr erreicht die Nachricht die Region, dass im Schaffhauser Gebiet erneut Bombenangriffe stattfinden. Auch in Basel werden um 13:50 Uhr die Sirenen wieder ausgelöst. Kurz darauf, bei idealem Flugwetter, erscheint ein grosser Verband von 36 Bombern, begleitet von 20 Jagdmaschinen, der in mehreren Wellen über die Grenze fliegt. Sie drehen über der Dreiländerecke ab und setzen ihre Route nach Osten fort. Bis zum frühen Nachmittag, gegen 15:00 Uhr, sind immer wieder fremde Flugzeuge in der Nähe der Stadt zu sehen. Besonders auffällig ist ein zweimotoriger Apparat, der sich gegen halb 3 Uhr im Alleinflug und in niedriger Höhe nach Westen wendet.

Trotz der anhaltenden Bedrohung durch die feindlichen Flugzeuge stellt sich später heraus, dass die Detonationen, die während der 135 Minuten dauernden Alarmbereitschaft in Basel gehört werden, nicht durch Luftangriffe verursacht werden. Stattdessen stammen die Explosionen aus einem heftigen Artillerieduell, das in der Nähe von Mülhausen ausgetragen wird.

Luftkrieg über der Schweiz

Amtlich wird mitgeteilt: Am 25. Dezember 1944 in der Zeit von 12:37 bis 14:47 Uhr wurde unser Grenzraum zwischen Laufen und Romanshorn sowie im Unterengadin durch einzelne und Verbände von unbekannten und amerikanischen Flugzeugen überflogen. Fliegeralarm wurde in den überflogenen und gefährdeten Gebieten ausgelöst. Um 12:57 Uhr wurde bei Würenlingen (Aargau) ein viermotoriges amerikanisches Bombardierungsflugzeug durch unsere Fliegerabwehr abgeschossen. Von Bord des beschädigten Flugzeugs sprangen sieben Mann mit dem Fallschirm ab. Sechs davon wurden interniert, einer ist noch nicht aufgefunden worden. Zwei Mann wurden tot im abgeschossenen Flugzeug aufgefunden.

Um 14:08 Uhr wurde Thayngen (Schaffhausen) durch mehrere zweimotorige amerikanische Flugzeuge bombardiert. Getroffen wurden Bahnhofanlagen, die Ziegelei Thayngen sowie die Nahrungsmittelfabrik Knorr. Nach bisherigen Meldungen sind ein Toter und drei Verletzte zu beklagen. Bei Kessler, nördlich von Eisingen, wurde eine Bombe abgeworfen, die im freien Gelände explodierte.

Der Pressesprecher des zuständigen Territorialkommandos teilt dazu mit: Am 25. Dezember 1944 um 14:10 Uhr ist Thayngen von einer amerikanischen Staffel bombardiert worden. Aus der Richtung Donaueschingen kamen drei Staffeln zu je acht Maschinen; die letzte warf die Bomben ab. Getroffen wurden die Ziegelfabrik Thayngen und das deutsche Reichsbahntracé mit Stellwerk. Es sind an die zwanzig Einschläge mittlerer und grösserer Bomben gezählt worden. Durch Luftdruck und Splitter sind im Dorf Thayngen an verschiedenen Stellen Häuserschäden entstanden. Der Bahnstellwerksarbeiter der Deutschen Reichsbahn, Meier Otto, geb. 1903, ist tödlich getroffen worden. Mehrere Zivilpersonen erlitten leichte Verletzungen.

„Maiden America“

Der US-Bomberverband mit 27 amerikanische Bomber des Typs B-24 Liberator der 450th Bombardment Group (H) der 15th US Army Air Force starteten von seiner Einsatzbasis in Manduria, Italien, darunter die Consolidated B-24G „Maiden America“, mit dem Ziel, den Güterbahnhof von Innsbruck zu bombardieren. Schon vor der Ankunft über dem Ziel wurde die Formation von der deutschen Flak unter Feuer genommen, und die „Maiden America“ wurde schwer getroffen. Beide Motoren auf der linken Seite fielen aus, ebenso Funk, Kompass und Hydraulik. Eine Rückkehr über die Alpen zur Flugbasis war nicht mehr möglich, also entschied sich die Besatzung, den Verband zu verlassen und auf eigene Faust westwärts in die neutrale Schweiz zu fliegen, die sie für sicher hielten.

Der beschädigte Bomber wurde nach seinem Einflug in die Schweiz von der Schweizer Fliegerabwehr, der Schweren Flab-Abteilung 4, beschossen. Die Schweizer Flak-Batterie 89 in Baldingen feuerte 82 Stahlgranaten (StGZZ) 7,5 cm auf die „Maiden America“, wobei mehrere Treffer den Bomber weiter beschädigten. Aufgrund der schweren Schäden war es der Besatzung nicht mehr möglich, eine Notlage zu signalisieren, weder durch das Ausfahren des Fahrwerks noch durch das Abfeuern von Signalraketen.

Zerstörte Consolidated B-24G „Maiden America“ auf einem Feld bei Würenlingen - Foto Privatarchiv / Kolorierung Patrick Schlenker

Auf Befehl des Piloten, 1st Lt. Vincent Fagan, sprangen sieben Besatzungsmitglieder mit dem Fallschirm ab, als die B-24 nordöstlich von Würenlingen auf einem Feld abstürzte. Zwei Männer kamen dabei ums Leben: Der 18-jährige Navigator 2nd Lt. Martin Homistek verhedderte sich anscheinend mit seinem Fallschirm im Flugzeug, und Sergeant Ralph L. Coulson, einer der Bordschützen. Seine Leiche wurde mit intaktem Fallschirm im Wrack gefunden. Tragischerweise wurde auch Co-Pilot Nicholas Mac Koul abgetrieben und ertrank in der eiskalten Aare, nachdem sich sein Fallschirm nicht rechtzeitig öffnete. Zwei Tage später wurde seine Leiche beim Kraftwerk Beznau geborgen.

Die Zerstörungen in Thayngen

Während die Kirchenglocken den Weihnachtsgottesdienst einläuten, greifen gegen 14:00 Uhr drei Staffeln amerikanischer Bomber mit Jägerbegleitung den südlichen Teil der Grenzgemeinde Thayngen an. 

Die 38 B-26 Bomber der amerikanischen 320. Bombergruppe starten um die Mittagszeit vom Luftwaffenstützpunkt Dijon in Frankreich mit dem Ziel, die Eisenbahnbrücke bei Singen zu zerstören. Drei Maschinen müssen wegen technischer Defekte umkehren, sodass 35 Bomber den Einsatz fortsetzen. 26 dieser Flugzeuge treffen die Brücke bei Singen, während neun Piloten fälschlicherweise den Schweizer Grenzort Thayngen für die deutsche Stadt Singen halten.

Der Angriff konzentriert sich auf das Bahnhofsareal. Stellwerk und Gleise werden durch Volltreffer schwer beschädigt. Der vierzigjährige deutsche Bahnangestellte Otto Meier kommt dabei ums Leben. Drei weitere Personen erleiden leichte Verletzungen. Der Bahnverkehr ist unterbrochen.

Etwa 20 Brisanzbomben werden abgeworfen, davon rund 18 mit einem Gewicht von 1000 Pfund und zwei kleinere von etwa 500 Pfund. Die Bombentrichter der grösseren Sprengkörper haben einen Durchmesser von 15 bis 16 Metern und eine Tiefe von 4 bis 6 Metern. Die kleineren Krater beim Stellwerk messen etwa 4 Meter im Durchmesser und 1,5 Meter in der Tiefe.

Auch die Industrieanlagen in Thayngen erleiden schwere Schäden. Die Ziegelei Thayngen wird nahezu vollständig zerstört. Hochkamine stehen noch, ragen jedoch über ein weites Trümmerfeld. Der Südtrakt, bekannt als Neubau, wird völlig vernichtet. Unzählige Dokumente und Akten liegen verstreut, Mauern sind beschädigt oder einsturzgefährdet. Zerschlagene keramische Gegenstände bedecken den Boden. Ein Wiederaufbau ist erst nach einem vollständigen Abbruch möglich. Westlich der Ziegelei wird eine Militärbaracke vollständig zerstört. Einige Soldaten erleiden Verletzungen. Zwei nahegelegene Bauernhäuser müssen evakuiert werden, da sie durch die Bomben stark beschädigt sind.

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Die Ziegelei Thayngen wird nahezu vollständig zerstört. Hochkamine stehen noch, ragen jedoch über ein weites Trümmerfeld - Foto Privatarchiv

Auch die Nahrungsmittelfabrik Knorr, die sich zwischen der Ziegelei und dem Dorf befindet, wird schwer in Mitleidenschaft gezogen. Viele Fenster zerbrechen, Türen werden aus den Angeln gehoben. Der Betrieb kommt für mehrere Tage zum Stillstan. In der näheren Umgebung entstehen zudem erhebliche Flur- und Gebäudeschäden. Der Schuppen der Quarantäne-Station wird im nordöstlichen Teil zerstört.

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Zerstörtes Bahnhofsgebäude von Thayngen nach der Bombardierung - Foto Privatarchiv Bearbeitung und Kolorierung Patrick Schlenker

In der Nähe der Ziegelei entstehen Bombenkrater von bis zu 6 Metern Tiefe und 25 Metern Breite. Splitter verursachen Schäden bis zu 500 Meter weit. Im gesamten Dorf Thayngen gehen Fensterscheiben zu Bruch, Dachziegel werden abgedeckt, und auch die Kirchenfenster zerbrechen, als die ersten Orgelklänge ertönen.

Trotz der grossen Zerstörung hat Thayngen Glück im Unglück: Der Angriff trifft das Dorf an einem Feiertag. Wäre er an einem Werktag erfolgt, hätten allein in der Ziegelei, wo 150 Arbeiter beschäftigt sind, sowie in der Knorr-Fabrik zahlreiche Menschen in Gefahr geschwebt.

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Schäden an der Knorr-Farbik neben dem Bahnhofsgebäude - Foto Privatarchiv Bearbeitung und Kolorierung Patrick Schlenker

Territorial-Kommando

Aus den Berichten der Schweizer Armee:

13:46 - 15:33 Uhr: Fliegeralarm - 27 Flugzeuge in 3er Formation in Richtung Tüllingerhügel / Schopfheim

Rege Artillerie- und Gefechtstätigkeit in Grenznähe

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